In den letzten fünf Jahren wurde ich oft gefragt, wann der Zeitpunkt für einen
stationären Aufenthalt gekommen war. Woran ich gemerkt habe, dass es an der Zeit ist, die Zügel einen kurzen Moment jemand anderem zu überlassen, um endlich nur eine Sekunde durchatmen zu können.
Ehrlich gesagt bin ich selbst nicht auf diese Idee gekommen. Mir gingen aber langsam die Möglichkeiten aus. Und ich hatte unglaubliches Glück mit meiner ersten Therapeutin. Eine liebenswerte
Frau, die allein mit ihrer Präsenz jedem Anwesenden Sicherheit vermittelt. Da meine körperlichen Reaktionen auf die wutgeladenen Ausraster meines Drachens in Herz, Seele und Kopf langsam
gesundheitsgefährdend wurden sponserten meine Eltern die ersten Sitzungen aus eigener Tasche. Der seelische Unfrieden musste schnellstmöglich von einem Profi analysiert werden. Nach dem quälend
peinlichen Anruf bei der Kassenärztlichen Vereinigung, um nach verfügbaren Therapeuten zu fragen – und einer mir die beschissene Lage von Angebot und Nachfrage klarmachenden Odyssee von
Anrufbeantworternachrichten und sechsmonatigen Wartezeiten (vllt folgt hier mal eine Hatespeech auf dieses System) – war klar, dass der Stundenlohn eines Therapeuten zwar fucking hoch ist, meine
Gesundheit jedoch mein höchstes Gut bleibt.
Ich habe nun meine dritte oder vierte Stunde bei dieser unfassbar netten und
kompetenten Frau und erzähle ihr von den Dingen, die ich meine preisgeben zu können, um nicht als ganz verkorkst aber doch gestört genug für fast 100€ pro Stunde zu gelten. Und diese tolle
Therapeutin sagt mir gerade auf den Kopf zu: „Ich würde Ihnen gerne helfen. Wirklich. Aber ich kann es nicht.“ Bam. Headshot. Aber dann: „Nicht, weil Ihnen niemand helfen kann. Sondern weil Sie
komplett rausmüssen. Sie müssen den Alltag abgenommen bekommen und sich nur auf sich konzentrieren. Mit therapeutischer Begleitung, in einer Klinik.“ Da war das Wort nun gefallen. Klinik. Klapse.
Die schwarze Masse in mir bäumte sich auf. Du bist schwach, du schaffst das nicht allein. Wie du es schon immer wusstest. Die Worte hallten in meinem Kopf wider. Aber das Echo war eine andere
Stimme: „Was?! Ich bin nicht gestört! Klinik ist was für Menschen mit schlimmen Kindsheitstraumata. Für Gewaltopfer. Menschen mit Esstörungen. Ich bin so nicht. Ich bin nicht SO krank.“ Schon
alleine, dass diese beiden Stimmen meinen Kopf und mein Herz in ihren gierigen Krallen hatten und anscheinend zu mir sprachen hätte mir zeigen sollen, dass das einzige, was wirklich Recht hatte
in mir, das kleine, klare, realistische weiße Licht war, das bei den Worten „…Alltag abgenommen bekommen“ aufflackerte. Nicht die zwiespältige Doppelzunge meines Drachens hatte recht, sondern die
Hoffnung auf Rettung. Das wollte ich. Diesen mich komplett auffressenden Kampf aus Aufstehen, Überleben, sich selbst Hassen und Maske Tragen jemand anderem aufdrücken und aufatmen. Den Druck von
der Brust genommen bekommen. Das Brennen unter der Haut für einen Moment nicht mehr spüren müssen. Für nur eine Minute die schwarze Masse wie ein schlechtes Spidermanoutfit ausziehen und ganz
hinten in den Schrank hängen. Sorglos sein. Zum Glück war mir die Aussicht genau darauf Grund genug, um den Gedanken an einen klinischen Aufenthalt nicht wie sonst in meiner Gedankentruhe für
unlustigen Gefühlskram zu verstauen, sondern ihn mit Bedacht vor Augen zu tragen und sogar ausgewählten Bezugspersonen davon zu erzählen. Ihr Rückhalt und die Empfehlung der Uniklinik meiner
Heimatstadt durch meine Hausärztin waren der kleine Arschtritt, den ich noch brauchte. Aber was blieb mir auch für eine Wahl? Ich hatte ja bis zuletzt gekämpft. Ich habe von meinem Körper
deutlich gezeigt bekommen, dass etwas in mir nicht ganz rund läuft und habe das auch nach mehr oder weniger angemessener Zeit akzeptiert und somit als real eingestuft. Ich hatte mich im Internet
schlaugemacht (und die Hoffnung auf den obligatorischen inoperablen Hirntumor von Dr. Google noch nicht aufgegeben) und war sogar zur Psychotante aufs Sofa beziehungsweise den Wippstuhl
gesprungen und hatte Teile meiner intimsten Wünsche und Gedanken zum ersten Mal vor mir selbst und vor allem vor besagter FREMDEN Psychotante verbalisiert. Nackt saß ich dort und schwitzte in
meinem Sommerdress, weil der Drache das gar nicht lustig findet, seine Büchse der Emotionspandora zu öffnen. Aber genau das hatten mir die Hausärztin, meine Eltern, Freunde, Hobbypsychologen und
Forendoktoren ja geraten. Ich konnte schon wochenlang nicht mehr arbeiten. Jeder soziale Kontakt außer der meines Mitbewohners und besten Freundes war mir zu viel. Jede Entscheidung, und sei es
nur welcher Wurstbelag aufs Brot kommt, brachte mich an den Rand des Wahnsinns. Das ist ein Zustand, den wirklich nur Menschen mitfühlen, die das selbst erlebt haben. Das geht über jede Art von
Niedergeschlagenheit oder Trauer hinaus, die Nichtbetroffene fühlen können. Und das ist kein Vorwurf, im Gegenteil! Ich gönne diese Art der inneren Verwesung niemandem, wirklich. So etwas sollte
niemand fühlen müssen. Aber ich tat es. Tue es manchmal noch. Und alleine konnte ich das nicht schaffen.
Mein Lebensweg war bis dahin gezeichnet von guten Momenten. In vielem war ich immer
ganz gut und manchmal besser als der Durchschnitt. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und besitze viel empathisches Einfühlungsvermögen. Nicht die hellste Sternschnuppe am Himmel aber verstecken
musste ich mich nie, habe Dinge angepackt und durchgezogen. Und auch jetzt hatte ich gekämpft und mir sogar Hilfe gesucht – die jedoch selbst nicht helfen konnte. Das Monster hatte mich nun in
seinen unsichtbaren Fängen und flüsterte mir zu, wie wenig ich doch wert sei und dass mein Leben eine Reihe von Fehltritten und unzulänglichen Leistungen war. Und dass es niemanden gibt, der mir
hilft weil schwachen Menschen nicht geholfen werden kann. Weil sie es nicht wert sind. Ohnmächtig, nicht in der Lage mich zu bewegen stand ich nun am Ende des Weges und wusste nicht mehr weiter.
Vor mir eine Klippe, dahinter das tosende Feuermeer meines unbändigen Drachens. Und dann kam der Tritt in den Hintern. Und ich stolperte die Klippe hinab und fiel und an mir rasten Erinnerungen
der letzten Jahre vorbei und ich wusste ganz genau, dass jeden Moment der Aufprall erfolgen musste. Ich wollte ein letztes Mal mutig genug um sein, um friedlich in mein Ende zu stürzen. Aber der
Aufprall kam nicht. Ich fiel zwar auf etwas drauf, aber es erfolgte kein zerberstender Schmerz, kein gleißendes Licht am Ende des Tunnels. Ich wurde abgefedert von einem überdimensionalen
Luftkissen, das mich für kurze Zeit Schwerelosigkeit fühlen ließ. Dieses Kissen, dieser Rettungsanker, dieser weiße Ritter war das erste Gespräch in der offenen Sprechstunde der Uniklinik auf der
psychosomatischen Station. Nachdem ich der netten Dame vom Haus das eben Geschilderte zwar weniger bildhaft aber genauso verworren erzählte legte sie den Kopf ganz leicht schief, um mir ihr
Mitgefühl in professionellem Rahmen zu zeigen und sagte: „Kommen Sie zu uns. Wir helfen Ihnen dabei sich selbst zu helfen. Sie sind nicht verrückt und schon gar nicht allein. Wir haben hier eine
eigene Station für so etwas.“ Das war der Moment meiner Schwerelosigkeit. Sie nahm mir mit diesen Sätzen die ganze Last der letzten Monate von den Schultern. Wie wenn man den vollgepackten
Rucksack endlich absetzt und kurz denkt man hebe ab. Diese Erfahrung, dieser Hoffnungsschimmer zeigte mir, dass es möglich ist, sich aus dem schwarzen Moor zu befreien. Dass bei all der
niederschmetternden Dunkelheit vereinzeltes Flimmern eine bessere Zeit bezeugt. Und dass es sich lohnt auch jetzt noch stark zu sein, auch wenn man Hilfe bekommt. Über die Ziellinie trägt dich
nämlich keiner. Dir wird die Strecke gezeigt und du wirst angefeuert, laufen musst du allein. Manche laufen zeitweise mit, andere schließen sich im Laufe des Weges an und bleiben an deiner Seite.
Du bist nicht allein. Und du musst nicht auf die Hilfe verzichten, die dir angeboten wird. Das macht dich nicht stärker sondern kränker und somit schwächer. Körper und Geist zerfallen irgendwann
und wie das enden kann hört man ständig in Form von Zugverspätungen wegen Personenschäden oder laufenden Motoren in abgeschlossenen Garagen. Wenn du tot bist kannst du dein Leben nicht verändern.
Wenn du dich nicht veränderst bleibst du von dir selbst gefangen an der Klippe stehen und erstickst an deinem Dämon. Aber wenn du springst oder dir einen kleinen Schubs geben lässt.. Dann gibt es
die Möglichkeit auf eine neue Richtung. Nach der Luftkissenlandung erfolgt der Blick auf neue Wege. Manche steinig, manche hügelig und viele noch verborgen. Wichtig ist zu wissen, dass es sie
gibt. Sie sind da. Und sie warten darauf, von dir betreten zu werden.
Es gibt Menschen, die dir helfen können dir selbst zu helfen. Und den Versuch sollte
man sich doch selbst wert sein, oder nicht?
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